© Albrecht E. / pixelio.de
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Ich habe festgestellt, dass es gar nicht nötig ist, immerzu neue Persönlichkeitsseminare, Bewusstseinserweiterungstrainings oder Workshops rund um innere Reifung zu besuchen, denn der Alltag selbst stellt sich als fähiger und kompetenter Lehrmeister dar, der uns durch die kleinsten und unbedeutsamsten Tätigkeiten, Situationen, Ereignisse, Gespräche (…) wahre Schätze für unser inneres Wachstum zur Verfügung stellt.

Solch geschickt versteckte Lektionen durfte ich erfahren, als ich in meine neue Wohnung zog. Leider bietet die neue Küche keinen Platz für eine Spülmaschine, welche ich doch inzwischen so gewohnt bin und deren Arbeit ich so ungemein schätze. Doch an der Tatsache, dass einfach kein Platz da ist, lässt sich nicht rütteln. Nach Jahren des schicken Spülmaschinenwaschgangs muss sich mein Geschirr nun wieder mit dem Otto-Normalspülgang meiner Wenigkeit zufriedengeben. Aber man glaubt es kaum, welche wertvollen Effekte und Lektionen sich durch diese schlichte Tätigkeit erfahren lassen.

Der Abwasch hat mir eine wirkliche Weisheit vor Augen geführt. Normalerweise versuche ich mein Geschirr unmittelbar nach dem Essen oder zumindest jeden Abend abzuwaschen. Nur halte ich diesen Vorsatz leider nicht immer konsequent ein und so kommt es vor, dass sich irgendwann ein riesiger Berg Geschirr der letzten Tage in der Küche aufgetürmt hat. Um zu vermeiden, dass mir demnächst kein sauberes Geschirrstück mehr zum Essen bleibt, mache ich mich dann doch ans Abspülen. Leider scheint inzwischen so mancher Teller und so manche Pfanne ihre/seine übrigen Essensreste und Essensspuren vehement verteidigen zu wollen. Es haben sich hartnäckige Krusten und Ränder gebildet, die eine Kampfansage durch Spülmittel, warmes Wasser und intensives Schrubben verlangen. Während ich also vor lauter Schrubben und Kratzen ins Schwitzen komme, frage ich mich, warum ich es eigentlich erst so weit habe kommen lassen, warum ich überhaupt erst so lange gewartet habe. Schnell wird mir klar, dass jenes Abwarten, Verzögen, Hinausschieben, Verdrängen, sich nicht nur auf den Abwasch bezieht …

Es bezieht sich ebenso auf Gespräche, welche geführt werden müssen, die man jedoch immer weiter hinauszögert. Es bezieht sich ebenso auf den Zahnarzttermin, der mindestens einmal im Jahr fällig ist, den man trotz Checkheft aber dennoch irgendwie „vergisst“. Es bezieht sich ebenso auf Rechnungen, die noch zu bezahlen sind, deren Tilgung man aber von einem Tag auf den anderen verschiebt. Es bezieht sich ebenso auf eine Auszeit, die man dringend nötig hat, die man sich aber immer wieder verwehrt, weil es noch etwas zu tun gibt.

Abwarten, Verzögern, Hinausschieben, Verdrängen: all diese Methoden machen keine Angelegenheit, keine Aufgabe, keinen Termin, keine Auswirkung besser. Das Gegenteil ist der Fall: je länger wir warten, etwas hinausschieben, verzögern, nicht wahrnehmen, desto „schlimmer“ machen wir es im Endeffekt.

Während wir das wichtige Gespräch mit unserem Partner hinauszögern, stauen sich nur noch mehr Wut und Ärger an, die sich irgendwann von allein Luft machen und damit mehr anrichten, als das rechtzeitig geführte Gespräch es getan hätte. Während wir den Vorsorgetermin beim Zahnarzt eins ums andere Mal „vergessen“, wird aus einem kleinen Loch vielleicht bereits ein mittelgroßes Loch. Während wir die Rechnungen stets vertagen, haben sich irgendwann vielleicht so viele angehäuft, dass wir nun einen riesigen Batzen Geld auf einmal bezahlen müssen. Während wir immer weiter machen, immer weiter arbeiten und uns unsere Pause verwehren, mag der Tag kommen, an dem wir so ausgebrannt sind, dass wir vor Erschöpfung zu gar nichts mehr in der Lage sind und schließlich eine erzwungene Pause einlegen müssen.

Kümmern wir uns jedoch rechtzeitig und unmittelbar um unser schmutziges Geschirr – um das Gespräch mit unserem Partner, den Vorsorgetermin beim Zahnarzt, die fälligen Rechnungen, die nötige Erholungspause – dann sorgen wir dafür, das sich daraus keine größere Geschichte entwickelt, die sich uns in Form eines wirklichen Problems offenbart.

Neben dieser Weisheit durfte ich einen zusätzlichen positiven Nebeneffekt erkennen:

Natürlich ist es weitaus angenehmer, sich nach dem Essen ein gutes Buch zu schnappen und auf die Liege im Garten zu verschwinden, als erst das Geschirr wegzuwaschen. Aber sich das schmutzige Geschirr nicht in Luft auflöst, müssen wir früher oder später ran an das Spülbecken. Ist diese Entscheidung erst einmal gefallen, sich wirklich – und die Betonung liegt auf „wirklich“ – dann lässt sich doch tatsächlich feststellen, das sich in der Ausübung des Geschirrspülens Ruhe und Ausgleich finden lassen. Es stellt sich nach und nach ein rhythmischer Bewegungsablauf ein, der sich harmonisch auf unser Befinden auszuwirken vermag. Es scheint mir ganz so, als ob Geschirrspülen eine Art „bewegte Meditation“ ist, die uns durch die wiederholt und gleichmäßig ausgeführte Handlungen vollständig in die Gegenwart zurückholt, ins Hier & Jetzt katapultiert und uns hier zentriert und erdet. Man kann tatsächlich eine Art „Energieauftanken“ wahrnehmen, wenn wir unsere Aufmerksamkeit voll und ganz auf eine Tätigkeit richten und uns darauf fokussieren.

Geschirrspülen hat sich nun deswegen nicht zu einer meiner „Lieblingsbeschäftigungen“ gemausert, aber es hat mir doch zu denken gegeben, was die Sache mit dem Hinauszögern und Verschieben angeht. Und außerdem ist es eine wirklich gute Methode, um Gedankenkarusselle zum Schweigen zu bringen und wieder bewusst in seinem Körper und seiner Mitte anzukommen.

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