© Th. Reinhardt / pixelio.de
© Th. Reinhardt / pixelio.de

 

Als ich neulich wegen eines Banktermins zwangsweise das Haus verlassen musste, kam mir während des Herumschlitterns im Auto ein Bild/Gedanke in den Sinn. Mensch und Natur sind doch gewissermaßen eins. Das sagt man doch immer und eigentlich, stimmt es ja auch. Mensch und Natur sind ein ökologisches Gesamtsystem. Wir sind von ihr und sie ist von uns abhängig. Sie beeinflusst uns und wir beeinflussen sie. In meinem Gedankengang spielt nun vorrangig die Jahreszeit und Zeitqualität eine Rolle. Während ich so die Straßen entlangschlitterte, sah ich Menschen Schneeschippen, sich vermummt durch den entgegenwehenden Schnee  kämpfen oder, wie ich, mit dem Auto zu Ziel X fahren, über Glatteis und Schneeverwehungen hinweg und hindurch. Die Mehrheit der Menschen, die im Auto unterwegs waren, sind wohl auf dem Weg in die Arbeit gewesen. Vielleicht auch nur jene, die etwas später anfangen, denn mein Banktermin war eher Richtung Mittag ausgelegt. Aber nehmen wir einfach mal an, dass es früher Morgen war und die Mehrzahl aller Menschen auf dem Weg in die Arbeit waren, wie es ja jeden Werktag der Fall ist.

Mir schob sich plötzlich ein Bild vors innere Auge, auf dem ich ein kleines ruhig daliegendes Dorf sah.  Kleine Häuschen, deren Kamine dampften und hinter deren Fenstern angenehmes und behagliches Licht schien. Ich musste an die Menschen früher denken – ein gutes Stück weit früher, als es noch keine Autos gegeben hat und eine zivilisierte Arbeitswelt, wie wir sie heute haben, auch noch nicht existiert hat. Ich vermute ganz stark, dass die Menschen zu jener Zeit nicht zwangsweise das Haus verlassen haben, um irgendwohin – in meinem Beispiel zu einer Arbeitsstelle – zu kommen. Ich vermute, dass der Schnee sie dazu veranlasst hat, sich zu Hause aufzuhalten und dort zu verweilen, bis sie nicht mehr gegen den Schnee – gegen die Natur – in den Kampf ziehen mussten. Die Aussage, dass die Menschen früher noch deutlich mehr in Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten gelebt haben, weit aus Naturverbundener und bewusster waren, hallte mir im Kopf wider. Ich vermute, dass sich damals niemand bei 40 cm Schnee aus dem Haus bewegt hat, weil er es „musste“. Die Arbeitswelt, das Arbeitssystem, wie wir sie/es heute kennen, gab es in dieser Form damals nicht. Schnee und Glätte mussten nicht überwunden werden, weil man an anderer Stelle aufzutauchen hatte. Winter – heftiger Winter – hat die Menschen zu Rückzug und Einkehr veranlasst, welche nicht einer „Pflicht“ gegenüber einer Firma, einem Arbeitgeber, einem Anwesenheitsplan wegen ignoriert, verdrängt oder übergangen werden musste. Stelle sich heute mal einer vor, dass jemand in seiner Arbeit anruft und sagt: „Ich komme heute nicht. Die Straße ist vereist und es herrscht ein heftiges Schneetreiben. Ich bleibe zu Hause.“ Da würde man doch einen Vogel gezeigt bekommen. Wer gibt denn heute schon noch etwas auf die Wetterverhältnisse? Auf die Natur? Auf die Jahreszeit? Der Winter will zu Einkehr und Ruhe aufrufen? Pustekuchen. Das ist doch kein Faktor, der irgendwie zählt. Ein Kündigungsgrund (und vielleicht der Anstoß zur Zwangseinweisung in der Psychiatrie) ist solch ein Anruf – aber nicht mehr.

Aber mal unter uns: Irgendwie gibt mir dieses System schon zu denken.

Wir haben sich ununterbrochen drehen müssende Mühlräder für unsere Gesellschaft und Zeit errichtet, doch hängen wir darin fest, wie ein Hamster, der nicht mehr aus seinem Hamsterrad herauskommt. Aussteigen geht schlicht nicht, denn es muss sich ja ständig weiterdrehen. Funktionieren. Laufen. Arbeiten. Antreiben. Produzieren. Machen. Tun. Wir müssen laufen, laufen, laufen. Gestern, heute und morgen. Wir Menschen waren es, die dieses Hamsterrad gebaut haben, doch scheinbar ist nun das Hamsterrad derjenige, der den Takt vorgibt, nach welchem wir zu tanzen haben. Mag es früher vielleicht keine Dinge wie Autos, Telefon oder Internet gegeben haben, so war die Zeit und Lebensweise an sich doch in gewisser Weise authentischer, natürlicher und sinnhafter gehalten. Heute im Rhythmus der Natur zu leben, kommt einer unsinnigen Tradition gleich. Ich persönlich glaube nicht, dass die Jahreszeiten einfach nur so existieren – einer Art Zufall gleich. Ich glaube, dass sie allesamt eine wertvolle Bedeutung und Zeitqualität haben, dass jeder Monat eine solche hat, die uns aufrufen möchte zusammen – und nicht gegen – sie zu leben. Nichts auf dieser Welt existiert „einfach nur so“. Warum sollten es dann die Monate und Jahreszeiten tun? Einfach nur eine Laune der Natur? Sicher nicht. Die Menschen früher waren sich dessen bewusst. Sie haben es anerkannt und danach gelebt, es in ihr Leben integriert. Das scheint heute unmöglich, bei all den unnatürlichen und künstlicher erschaffenen Rhythmen, die oft gänzlich gegen unseren (persönlichen) menschlichen Rhythmus, unsere innere Uhr, laufen.

Das Arbeitssystem sagt: Von Montag bis Freitag werden acht Stunden täglich gearbeitet. Das ist normal und gehört sich so. Doch woher stammt diese Aussage? Wer beweist mir die Wahrheit dieser Aussage? Vielleicht bin ich anders gewickelt als so mancher, aber ich komme mit diesen Vorgaben einfach nicht auf einen grünen Nenner. Muss ich mich jetzt schlecht fühlen, weil ich glaube, dass unser Arbeitsystem sich irgendwie in falschen Bahnen bewegt? Dass es zu funktionell, zu eng, zu besessen und vermessen geworden ist? Ich denke nicht. Ich sehe es eher so, dass ich Dinge infrage stelle, die inzwischen so selbstverständlich und allgemeingültig geworden sind, dass die wenigsten darüber nachdenken oder ihre Sinnhaftigkeit anzweifeln. Ich glaube, dass das aber genau das ist, was wir öfter tun sollten: Dinge infrage stellen. Auch altbewährte und über einen langen Zeitraum bestehende Dinge. Nur, weil etwas immer so war, muss es nicht immer so bleiben. Nur, weil etwas ist, wie es ist, bedeutet das nicht automatisch, dass es gut ist. Weil etwas Neu und „Evolutionär“ ist, muss es nicht automatisch besser sein als Altes. Fortschritt bedeutet nicht immer Verbesserung. Dadurch können auch wirklich wichtige und bedeutende Dinge verdrängt und vergessen werden. Etwas, das richtig ist kann jedoch nie „veralten“ – nicht alles was alt ist, muss verdrängt oder abgelöst werden. Die Arbeitswelt mag sich immens weiter und fortentwickelt haben, im Vergleich zu früher. Logistik, Kommunikation, Technik, Angebot: Alles ist gewachsen. Aber nicht nur die Möglichkeiten sondern auch die Ansprüche und Erwartungen sind gewachsen. Auch die Menschen müssen nun mehr und mehr funktionieren, mehr und mehr leisten. Wann genau ist es passiert, dass Arbeit zum Maß des Lebens geworden ist? Und das ist es doch, oder etwa nicht? An erster Stelle kommt die Arbeit – danach das Leben. Leben wird durch Arbeit definiert. So oft bekomme ich zu hören oder zu lesen: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ „Arbeit ist das halbe Leben“, „Wenn ich in Rente gehe, dann mache ich die Reise nach X“, „ … dann kaufe ich mir ein eigenes Haus“,  „… dann verbringe ich mehr Zeit mit meiner Familie“, „ …dann nehme ich mir Zeit für mich“.

Hat sich jemand jenes (Lebens)Verhältnis einmal genauer angesehen?

Wenn man von einem max. möglichen Lebensalter von 100 Jahren ausgeht (was übertrieben ist) und wir 65% davon mit Schule und Arbeit verbringen, dann bleiben uns nur mehr 35% „um zu leben“ – die jedoch tendenziell geringer ausfallen, da heute kaum noch jemand 100 Jahre alt wird und Möglichkeit hat, seine 35% überhaupt noch abzuleben und zu genießen. Wie also verbringen wir die überwiegende Mehrheit? Die 65% unseres Lebens? Möglichweise geht die „Pflichtkür“ bereits in der Schule los: Wir drücken die Schulbank und fragen uns, was wir hier eigentlich lernen. Warum wir das überhaupt lernen. Wir werden nicht gefördert, wir werden in einheitliche Stundenpläne gequetscht und mit dem gleichen Stoff gefüllt, den bereits zig Jahrgänge unter uns gelehrt bekommen haben (man bedenke, inzwischen sind auch zig Jahre vergangen, in denen möglicherweise nicht mehr alles zeitgemäß ist). Und in der Arbeitswelt? Durch die identisch übergestülpte Schulbildung wurden vielleicht unsere Stärken und Fähigkeiten gänzlich außen vor gelassen und sind ungefördert geblieben. Wir sind gerade mal so durch die „Standardfächer“ hindurchgerutscht, weil sie eben einfach nicht auf uns, sondern auf eine Allgemeinheit, die in dieser Art kaum existieren kann, zugeschnitten war. Möglicherweise verrichten wir nun eine Arbeit, die uns überhaupt keine Freude oder Erfüllung verschafft. Wir verrichten sie schlicht deswegen, um Geld auf unser Konto zu bringen. Um zu tun, was jeder tun „muss“. Doch ist das „normal“? „Muss“ das so sein? „Soll“ das so sein? Ich weigere mich ehrlich gesagt, dies zu bejahen. Ich glaube nicht, dass wir geboren werden, um ein Pflichtprogramm abzuarbeiten (zumal wir Menschen es selbst erschaffen haben – nicht die Natur oder das Leben) oder in einem Hamsterrad zu laufen, bis wir schließlich das Zeitliche segnen und umkippen. Ich bin kein Hamster. So viel weiß ich ganz sicher. Ich glaube auch nicht, dass die Menschen um mich herum Hamster sind. Was jedoch möglich ist, das ist, dass sich viele Menschen für Hamster halten, ihrem typischen Hamsterrad treu bleiben und laufen, laufen, laufen …

Sollte Schule nicht auch Freude machen?

Lernen kann in der Tat Spaß machen – jedoch nur dann, wenn nicht nur stur nach Schema F gelehrt wird, die Stundenpläne nicht veraltet sind, der individuelle Schüler nicht übergangen wird. Wenn Schüler nach Schema F ausgebildet werden, dann können auch nur Erwachsene nach dem Schema F aus ihnen werden – die zu späterer Zeit von eben jener Gesellschaft/Kultur, der Instanz, die sie hervorgebracht hat, verpönt werden.

Sollte Arbeit nicht auch Freude machen?

Anstatt nur Geld auf das Konto zu bringen? Meiner Ansicht nach sollte sie das – und das tut sie auch, wenn wir etwas tun, dass wir gerne und von Herzen tun. Jeder hat bestimmte Stärken, Fähigkeiten und Vorlieben, die er einsetzen, gerne und gut ausleben kann. Warum sollte nicht jeder genau das tun, was er am besten kann? Damit der Beruf zur Berufung wird? Und warum sollte das Arbeitssystem nicht wieder weniger Hamsterrad sein und dafür mehr ein gemeinschaftliches Netzwerk, in dem jeder sozial miteinander umgeht und mit Freude und von Herzen dabei ist, anstatt ständig nach Profit, Anerkennung und Sieg zu trachten und in ewiger Konkurrenz zu leben? Warum nicht wieder den Mensch in den Mittelpunkt stellen, statt den Umsatz den er einbringt? Warum nicht wieder miteinander –  von Mensch zu Mensch und auch von Mensch zu Natur?

Ich schätze Entwicklung, Fortschritt und Evolution – aber ich will nicht ständig rennen müssen, um mitzukommen, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Ich will auch mal stehenbleiben, verweilen, durchatmen und einfach nur sein. Abseits jeder Pflicht. Im Gleichklang mit der Natur. Ich Gleichklang mit meinem eigenen inneren Rhythmus. Und wenn dicke Schneeberge und Glatteis mir Einkehr und Rückzug ans Herz legen, dann würde ich diese Einladung gerne das ein oder andere Mal annehmen – und damit (vielleicht) ohne einen angedichteten Vogel davonkommen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s