Feuerwerk2

 

Ich war noch nie ein großer Fan von Silvester. Allein deswegen schon nicht, weil ich es bescheuert finde bis 00:00 Uhr wach bleiben „zu müssen“ und überdies einen lustigen und spaßigen Abend verbringen „soll“. Jener „Zwang“ behagt mir einfach nicht. Meist bin ich irgendwann gegen 22:00 Uhr müde und würde am liebsten einfach ins Bett verschwinden (das neue Jahr hat mich ja trotzdem noch ganze 364 ½ Tage für sich) – doch das hören die Menschen um mich herum meist gar nicht so gern. Schnell bin ich ein Spielverderber, eine lahme Socke, eine trübe Tasse … Das will ich natürlich nicht sein und so hallte ich wacker durch.

Daneben gab es seither noch etwas das mich getriezt hat: Der anstehende Schlussakt des alten Jahres und das unübersehbare Drehbuch des neuen Jahres war stets ein Zustand, der mir Bauchschmerzen verursacht hat. Ich habe dann immer eine regelrechte Krise bekommen, die sich dadurch bemerkbar machte, dass ich Torschusspanik gemischt mit einer Flut von mobbingartigen Gedanken und Gefühlen bekam: „Schon wieder ein Jahr um. Was hast du in diesem Jahr geschafft? Wie konnte die Zeit so schnell vorübergehen? Hast du erreicht, was du dir vorgenommen hattest? Bist du überhaupt vom Fleck weg gekommen? Ist dir klar, wie vergänglich alles ist? Wie kurzweilig? Wie schnell du alt wirst? Du kriegst nie auf die Reihe was du dir vorgenommen hast! Dir läuft die Zeit davon! (…)“

Ich wollte nicht, dass das Jahr zu Ende geht und ich wieder von Neuem anfangen muss. Im alten Jahr konnte ich „Ergebnisse“ vorweisen – das neue Jahr zog mir meine prall gefüllte Kiste voller Errungenschaften mit einem Schwung unter dem Hintern weg, sodass ich wieder mit leeren Händen auf dem Boden saß. Natürlich verschwinden mit dem alten Jahr nicht alle Erinnerungen, Taten und „Ergebnisse“, die man in dieser Zeit zu seinem Eigen gemacht hat – aber dieses Gefühl trieb mich herum.

„Jetzt fängt der ganze Mist von vorne und du wieder bei null an.“ Das war die präsente Kernbotschaft.

Inzwischen jedoch hat sich ein klein wenig was verändert. Der ganze Partytrubel geht mir zwar nach wie vor gegen den Strich und ich hätte nichts dagegen mir eingekuschelt in mein Bett einen schönen Film anzusehen und dann ins Schlummerland abzutauchen – doch was meine depressiv-paranoide Panikpsychose angeht, bin ich auf die Seite der Genesenen gewechselt.

Heute bin ich weder traurig, dass das alte Jahr ausläuft, noch dass das neue Jahr naht. Ich trauere nichts nach und hänge an nichts mehr – es ist einfach „vorbei“. Ganz einfach. Nicht mehr und nicht weniger. Es war schön – vielleicht auch traurig. Aufregend – vielleicht auch langweilig. Reichhaltig und voller Fülle – vielleicht auch arm und knauserig. Gesund – vielleicht auch voller Krankheit. Aber es war. Es ist vorbei.

Stattdessen wartet etwas Neues, etwas Unbeschriebenes, etwas, dass ich selbst gestalten und formen kann so, wie ich es mir wünsche. Ich „muss“ nicht neu anfangen – ich „darf“. Ich darf hinter mir lassen, was nicht so gut war. Ich darf hinter mir lassen, was ich nicht mit in meine Zukunft nehmen möchte. Ich darf Neues in mein Leben hereinbringen. Frischen Wind. Neue Möglichkeiten und Potenziale. Neue Herausforderungen. Neue Bekanntschaften. Neue Glücksmomente, Erfolge, „Ergebnisse“ und Errungenschaften. Ich darf weitersammeln und meine Kiste neu befüllen. Mit den Dingen, die mir nun wichtig sind. Vielleicht sind das auch gänzlich neue Dinge, weil ich einfach „neu“ bin, mich verändert und weiterentwickelt habe.

Und da kommen Alt-Jahr und Neu-Jahr daher und machen mir dieses Geschenk: Ich darf von einem ins andere springen und mich neu entfalten, neu erfinden, neu erleben. So gesehen brauche ich keine Bauchschmerzen, keine Psychose, keine Torschusspanik mehr. Das Einzige, was ich „brauche“ und mir erhalten sollte, ist etwas (Selbst)Vertrauen, Wagemut, Neugierde und Vorfreude. All das braucht man zu jeder Zeit – ob im Alt- oder im Neu-Jahr.

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