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Es gibt Tage wie heute, da bin ich unsagbar dankbar und froh, dass meine Familie und mein Freundeskreis nicht zu der Art Menschen gehören, die spontan und ohne Vorankündigung vor der Wohnungstüre auftauchen. Höchstwahrscheinlich hätte ich arge Probleme damit, ihnen den Zustand meiner Wohnung zu erklären: Ein riesen Geschirrberg,  Leinwände in verschiedenen Größen und mehrere 500 ml Farbtuben, die nebst Laptop und mehreren Notizbüchern den Küchentisch vereinnahmen, noch mehr Farben, Pinsel, Leinwände, Skizzenbücher, Notizbücher und Malutensilien, die mitten im Wohnraum herumflacken und den ganzen Boden zu einem Hindernisparkur machen. „Muss das so aussehen?“, wäre gewiss eine aufploppende Frage, die ich mit einer Antwort wie „Müssen, ist ein weit gefasstes Wort“ beantworten würde – gefolgt von dem Nachsatz „Ich würde ja ein bisschen Ordnung schaffen, aber ich kann nicht. Ich muss weiter an meinem Roman schreiben, sonst liege ich heute Nacht wieder bis knapp halb 3 Uhr wach im Bett und wälze Gedanken und Szenen in meinem Kopf, obwohl ich zu dieser Zeit dann eigentlich doch gerne schlafen würde – auch wenn ich sehr flexibel bin, was kreative Ergüsse angeht“.

Ich bin kein Fan von Chaos im Sinne von: Müllberge, verschimmelte Essensreste, stinkender Meerschweinchenkäfig, müffelnde Klamotten, eingetrocknetes Geschirr (…). Aber es gibt ja auch noch ein „kreatives Chaos“ im Sinne von: Jedes Utensil liegt genau am richtigen Platz, um für das perfekte kreative Klima zu sorgen und den Geist in verwegene und inspirierende Spiralen abtauchen zu lassen. Ich muss sagen, dass mich mein „Berufswerkzeug“ nicht stört oder mir als „Chaos“ anmutet, sondern mich auf subtile Art und Weise stimuliert – bis zu einem gewissen Ausbreitungsgrad, das möchte ich doch noch hinzufügen. Der Geschirrberg hingegen ist tatsächlich ein Chaos, das meinen kreativen und gelassenen Gemütszustand auf unangenehme und störende Weise beeinträchtigt. Doch in diesem Punkt muss ich nochmals zu meiner Nachsatz-Antwort greifen: „Ich würde ja ein bisschen Ordnung schaffen, aber ich kann nicht. Ich muss weiter an meinem Roman schreiben (…)“. In der Tat kann man sich der Muse nicht verweigern, wenn sie einen so leidenschaftlich und atemraubend küsst und liebkost. Man schlägt dem Liebsten ja schließlich auch nicht die Nase vor der Türe zu, wenn er mit einem Strauß roter Rosen und einem umwerfend entwaffnenden Lachen auf der Türschwelle steht, um uns – seine Liebste – auf Händen zu tragen.

Die Muse ist ein eigensinniges und sensibles Wesen, das nicht verschreckt, überfordert, befehligt, angeschrien oder ausgezehrt werden möchte und sich bei Nichtbeachtung jener Regeln ganz schnell aus dem Staub macht. Es ist in etwa wie eine Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt basiert. Wenn man selbst liebevoll und forderungslos die Arme ausbreitet, dann schwebt sie einem liebend gerne zu und lässt einem jede erdenkliche Art der Zuwendung, Unterstützung und Fürsorge zuteilwerden, die man sich vorstellen kann. Wenn man sie jedoch herbeizwingen will, dann nimmt sie sich das Recht auf ihre Freiheit. Wenn man selbst knapp vorm Abgrund steht und sich nur verzweifelt an ihr festklammern möchte, um nicht hinabzustürzen, dann kehrt sie einem den Rücken zu – nicht, weil sie einen im Stich lässt, sondern weil sie möchte, dass wir es aus eigener Kraft zurück auf festen und weiten Grund schaffen; weil sie möchte, dass wir wachsen und selbst klar sehen, welche Schritte nicht die richtigen waren, welche uns von unserem Platz fortgebracht haben, welche uns zu verbitterten und flehenden Krümelsammlern gemacht hat.

Genau genommen ist die Liebe und Hingabe der Muse bedingungslos  und unerschöpflich. Sie wird immer für uns da sein, wenn wir sie wirklich bei uns haben möchten, wenn wir wirklich offen für sie sind, wenn wir wirklich bereit sind, uns auf sie einzulassen. Nicht, um irgendjemand anderem etwas zu beweisen, sondern weil wir die Muse genauso lieben, wie sie uns liebt und wir ohneeinander einfach nicht vollständig sind. Aus diesem Grund wird man den Lebensraum von Künstlern, Schriftstellern, Musikern, Dirigenten (…) möglicherweise tatsächlich häufig in einem „kreativen Chaos“ vorfinden, sollte man sich spontan und unangekündigt auf einen Besuch zu ihnen aufmachen. Doch schon Albert Einstein sagte es: „Das Genie beherrscht das Chaos“ – nicht umgekehrt. Und ein Genie entsteht unweigerlich, wenn sich ein freier, offener Geist und die Muse vereinen, miteinander einen Tanz tanzen, der frei und grenzenlos ist.

Sicher werde ich mein Geschirr spülen – heute oder spätestens morgen – aber im Moment genieße ich den Tanz mit meiner Muse, der sich seit gestern Abend in überdimensionaler Breite und Anmut  zwischen uns abspielt. Die letzten beiden Wochen hatten wir eine Auszeit, eine Beziehungspause, voneinander. Unser Wiedersehen ist unsagbar schön, deswegen erlaube ich mir, das Geschirr noch eine Weile als Teil meines kreativen Chaos zu sehen. Es gibt häufiger solche abstinenten Phasen zwischen meiner Muse und mir – hauptsächlich, weil ich irgendwann zu fordernd werde und damit auch zu engstirnig und nicht mehr empfänglich und offen für das zarte Musenwesen bin. Dann verabschiedet sie sich stets für eine Weile, um mich wieder zu mir selbst, meinem Tempo, meinen Rhythmus, meinem Weg finden zu lassen. Früher hatte ich immer Angst sie würde nicht wiederkommen und hätte mich für immer verlassen. Eine grauenvolle Vorstellung für jede kreative Seele – sei es ein Künstler, Schriftsteller, Musiker, Poet, Schauspieler, Regisseur (…) –, sich vorzustellen, für immer von der inspirierenden Muse abgeschnitten zu sein. Doch wie schon zuvor erwähnt: „Sie wird immer für uns da sein, wenn wir sie wirklich bei uns haben möchten, wenn wir wirklich offen für sie sind, wenn wir wirklich bereit sind, uns auf sie einzulassen“ – ohne Hintergedanken oder notgedrungene Absicht. So ertrage ich die Phasen ihrer Abwesenheit immer besser und gelassener, denn ich erkenne immer mehr, dass sie ebenso dazu da sind, mich weiterzuentwickeln, über mich hinauszuwachsen und eine immer freiere Seele zu werden, deren Liebe dem kreativen Tanz gilt. Außerdem habe ich festgestellt, dass es nicht nur eine Muse gibt: Es gibt Musen für das Schreiben, das Malen, das Dichten, das Komponieren (…) – und es gibt für jeden Zeitpunkt die richtige Muse. So habe ich die letzten schreiblosen Wochen mit meiner Malermuse verbracht, mit der ich nicht durch/über Worte, sondern durch/über das Gefühl kommuniziere und interagiere. Wenn man nicht gegen die rhythmischen Wellen ankämpft, in denen das Leben sich fortbewegt, sondern auf jenen Wellen reitet, so entsteht ein herrlich freier, müheloser, getragener und geborgener Lebenstanz, der niemals wunde Füße verursacht.

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