Die letzte Zeit habe ich mir des Öfteren die Frage gestellt, ob es sowas wie „geistiges Eigentum“ eigentlich tatsächlich gibt. Sicher ist mir klar: Wenn ich mir den Songtext, das Gedicht, den Artikel, die Buchpassage, den Blogeintrag, die Idee, das Bild (…) von jemandem anderen klaue, komplett und 1:1 übernehme und als „von mir ausgebe“ – dann ist das offensichtlich und zweifelsohne ein Klau von geistigem Eigentum bzw. von etwas, das jemand anderes sichtbar in die Welt gebracht hat.

Aber das meine ich bei meinem Gedankenspiel auch gar nicht. Was ich meine geht in eine andere Richtung. Nehmen wir zum Beispiel einmal ein Gedicht. Von Zeit zu Zeit überkommen mich poetische Impulse, die mich dazu veranlassen diese zu Papier zu bringen. Vor kurzem habe ich etwas über die Stille zu Papier gebracht. Da kam mir der Gedanke, dass bestimmt schon eine Vielzahl von Gedichten oder Gedanken über/zur Stille geschrieben worden sind. Man bedenke nur einmal das Stille etwas ist, das schon immer auf der Welt präsent war und man bedenke die Tatsache, wie viele Menschen seit Anbeginn der Welt hier gelebt haben (und natürlich immer noch leben ;)) und seither Zeit hatten etwas über sie zu Papier zu bringen.

Mir scheint es sehr unwahrscheinlich und abwegig, dass in dieser langen langen Zeit noch nie jemand ähnliche Gedanken und Gefühle in Bezug auf die Stille geteilt und zu Papier gebracht hat. Vielleicht sogar gibt es Sätze, die zwei oder mehrere Menschen 1:1 teilen, obwohl sie gänzlich und komplett unabhängig voneinander aufgeschrieben wurden. Wie könnte nun jemand Anspruch auf eine solche Zeile, eine solche Passage erheben und behaupten es sei „sein geistiges Eigentum“? Wieso sollte nicht auch jemand anderes „das Gleiche“ gefühlt, gedacht und aufgeschrieben haben?

Das Leben, die Welt, ist eine Gemeinschaft. Nichts und niemand existiert außerhalb von allem anderen, nichts und niemand existiert als „einsame Insel“. Menschen haben ähnliche Gefühle und Gedanken, die sie durch das Leben erfahren. Was ist zum Beispiel, wenn zeitgleich in Amerika und Deutschland zwei Autoren sitzen, sich gerade mit Gedanken und Gefühlen um Verlust und Trauer konfrontiert sehen und dazu etwas zu Papier bringen. Jeder notiert seine Gefühle und Gedanken unabhängig voneinander und veröffentlich diese später in einem Gedichtband, einer Zeitschrift, einem Roman – wo auch immer. Und nun fällt irgendwem auf, dass sich das Geschriebene der beiden „ähnelt“, mit den gleichen Fragen und Gefühlen kämpft, vielleicht sogar einen identischen Wortlaut teilt.

Das Beispiel des Verlustes und der Trauer ist hier ein einfaches Beispiel um den Sachverhalt den ich meine deutlich zu machen. Verlust und Trauer sind etwas mit dem offensichtlich jeder im Leben zu kämpfen hat. Worauf ich hinaus will, ist, einfach die Tatsache, dass man schlecht einen allumfassenden Anspruch/eine einzige Verfügung auf bestimmte Gefühle, Gedanken und Ideen erheben kann, weil das Leben sich überall abspielt und jeden gleichsam berührt, anregt und anstößt.

„Geistiges Eigentum“ ist in gewisser Weise eine Art von Illusion – wie ich finde – da Ideen, Gedanken und Gefühle für mich kein ultimatives oder einzelnes Eigentum von irgendjemandem darstellen, sondern für mich – wie ich das sehe – aus einem universellen, allgemeinzugänglichen, verbundenemPool hervorgehen, aus dem jeder schöpfen kann, aus dem sich jeder bedienen kann, auf den jeder Zugriff hat.

Wieso sollten nicht zwei Menschen die gleiche Idee haben? Hat der „Zweite“ sie dann automatisch gestohlen? Kann er sie nicht auch einfach aus dem allgemeinzugänglichen Pool gegriffen haben? Weil er zugänglich und offen für diese Idee war? Weil das Leben ihn mit diesen Erfahrungen, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen konfrontiert hat? Weil er sie später als der andere „geangelt“ hat, soll sie ihm nun nicht mehr „gehören“ und „zustehen“? Ich rede hier nicht davon das Rad neu zu erfinden – ich rede davon, dass wir Menschen nicht getrennt voneinander, nicht in getrennten, einzelnen Welten existieren. Wir sind alle miteinander verbunden. Wir teilen alle den gleichen Lebensraum. Liegt es da nicht nahe, dass wir uns auch ein gemeinsames Reich der Ideen, Gedanken, Gefühle und Phantasie teilen?

Aus der Praxis


Zwei Logos, zwei Designer, eine Idee

Ich habe miterlebt wie eine Arbeitskollegin zusammen mit unserem Kunden ein neues Logo für dessen Hotel entworfen hat. Ein paar Wochen später flatterte ein Brief mit der Anschuldigung, dass Logo geklaut zu haben, ins Haus und der Ankündigung, dass die Gegenpartei nun gerichtlich gegen uns vorgehen würde. Ein anderer Designer hatte im ungefähr gleichen Zeitfenster ein Logo für einen seiner Kunden (gleiche Branche) entworfen, aber noch knapp vor meiner Kollegin veröffentlicht. Wie beantwortet man nun diese Frage? Hat meine Kollegin nun „geistiges Eigentum“ gestohlen?

Die Sache mit den Buchtiteln

Ich persönlich finde es sehr ärgerlich mir ständig Buchtitel zusammenbasteln zu müssen, obwohl ich einen wunderbar passenden für mein Buch hätte. Warum? Ich darf meinen Titel nicht verwenden, weil jemand anderes schon einmal auf den gleichen Titel gekommen ist. Hat jemand jetzt auch schon das alleinige Verwendungsrecht auf allgemeingültige Worte? Dass bei zwei Büchern der gleiche Titel draufsteht, bedeutet doch nicht automatisch, dass das Gleiche drin steht. Bei Songtitel zum Beispiel, gibt es viele Lieder, die den gleichen Namen tragen. Warum sollte also nicht auch bei zwei (oder mehr) Buchtiteln der Name „Hochzeitsfieber“, „Haus am See“, „Licht und Schatten“ (…) passen? Unter diesem Titel wären tausende von verschiedenen Varianten, Genres, Charakteren, Storys (…) möglich. Und nur weil jemand später, als jemand anderes auf diesen Namen gekommen ist, darf er ihn nun nicht mehr verwenden? Weil er dem „gehört“, der früher darauf gekommen ist?

Also entweder gibt es in naher Zukunft nur noch Buchtitel, die irgendwie so gar nicht mehr zum Buch selbst passen, seltsam klingen oder aber, wir müssen uns wohl eine zusätzliche Sprache ausdenken bzw. neue Worte erfinden, die wir stattdessen nutzen können ;-)))

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