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Von Zeit zu Zeit beschenke ich mich selbst mit einen Strauß Blumen. Einfach so. Weil sie mir Freude machen, einen wundervollen Duft in meine Wohnung bringen, meinem Küchentisch ein besonderes Flair verleihen, mir schlicht gut tun. So habe ich kürzlich, als ich beim Einkaufen war, einen wunderschönen dunkelroten Strauß Blumen gesehen, den ich unbedingt mit nach Hause nehmen wollte. Ungefähr ein Drittel seiner Blüten war geöffnet, der Rest verbarg sich noch in geschlossenen Knospen. Zu Hause kam mein Blumengeschenk direkt in eine geräumige Vase mit frischem Wasser.

Die Tage vergingen und ich kümmerte mich besonders gut um meine Blumen, denn ich hatte eine Woche später meine Familie zum Essen eingeladen und hoffte, dass sie auch dann noch voller Leben sein würden, um den Esstisch harmonisch abzurunden. Ich durfte mich freuen: Neben dem selbstgekochten Essen sorgte die Vase voller roter Blumen für eine besondere Tafel. Später tätschelte ich die Blüten dankbar, weil sie mir meinen Wunsch erfüllt hatten. Erst nach zwei Wochen forderten die beschnittenen Stiele, und die damit verbundenen Trennung von Wurzeln und Nährboden, ihren Tribut ein. Unumstößlich hatten die Pflanzen das Ende ihres Lebens erreicht. Für Schnittblumen sind zwei Wochen meiner Meinung nach eine lange Lebensdauer und so gab es für mich nichts zu bemängeln. Der Kauf hatte sich definitiv gelohnt.

Ehe ich mich an die Beseitigung machte, betrachtete ich die hängenden und ausgetrockneten Köpfe, die ausgeblichene Farbe und die geschlossenen Knospen noch etwas genauer. Unter den verblühten Blüten befanden sich nämlich immer noch gut 1/3 Knospen, die sich nicht geöffnet hatten – und es auch niemals mehr tun würden. Dieser Anblick stimmte mich nachdenklich und auch irgendwie traurig. Alles ist vergänglich, unterliegt dem Wandel und der Veränderung, doch ich spürte deutliches Bedauern darüber, dass diese Knospen niemals ihr Potenzial entfalten, sich niemals zeigen, nie „das Licht der Welt“ erblicken konnten. Dieser Möglichkeit wurden sie von außerhalb – in diesem Fall von uns Menschen – beraubt, als wir sie von ihren Wurzeln trennten.

In dieser leicht melancholischen Stimmung schweiften meine Gedanken rasch weiter zu uns Menschen und den „Raubzügen“, die wir an uns selbst oder an anderen vollführen. Wir besitzen einen immensen Reichtum an Talenten, Stärken, Fähigkeiten – an Potenzial –, doch geht es uns oftmals wie den niemals erblühten Knospen: Viele unserer Potenziale bleiben auf ewig ungenutzt. Aus verschiedenen Gründen heraus. Weil wir sie nicht beachten – bewusst oder unbewusst, sie nicht erkennen, verdrängen, von uns weisen, sie uns von anderen ausgeredet oder „niedergetrampelt“ wurden.

Vieles von dem, was wir in uns tragen, was wir an wundervollen Gaben mit in diese Welt bringen, darf sich niemals entfalten. Vielleicht sind wir kreativ begabt, malen wundervolle Bilder, können mit Worten fesseln und berühren, spielen das Klavier, als wären unsere Finger eins mit den Tasten, bauen beeindruckende Skulpturen, nähen mit Leichtigkeit herrliche Kleidungsstücke. Vielleicht können wir beim Ritt auf dem Pferd eins mit dem Tier werden, können gut zuhören, andere mit ein paar Worten neuen Mut und Trost spenden, besitzen eine rege Phantasie, die uns in Höhen und Weiten bringt, in die uns nicht jeder nachfolgen kann (…). Doch Eltern, Lehrer, Umfeld, haben uns früh beigebracht und wissen lassen, dass dies keine „anerkannten“, „nützlichen“, „sinnvollen“ Begabungen sind. Vielleicht ein schöner Zeitvertreib, ein „Plus“, doch nichts, das uns im Leben groß weiterbringt, verlässlich unsere Rechnungen bezahlt, einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit darzubringen vermag. Solche Offenbarungen können mit einem Schlag ernüchtern und dafür sorgen, dass wir das, was wir können, gerne tun, was für uns gedacht und zu uns gehörig ist, plötzlich mit anderen Augen sehen, dass wir uns plötzlich wie ein „Idiot“, ein „Träumer“, ein „naives Kind“ vorkommen. Da wir das nicht sein wollen, beherzigen wir, was man uns erzählt hat und lassen von Idiotie, Träumerei, Naivität und unserer Begabung ab.

Vielleicht haben wir auch, als wir unser besonderes und einzigartiges Potenzial das erste Mal in der Öffentlichkeit zeigten, vernichtende Kritik zu hören bekommen, die uns so hart getroffen hat, dass wir niemals wieder einen Pinsel in die Hand genommen, ein leeres Textdokument auf unserem Rechner gefüllt, ein Stück Ton angerührt oder vor Publikum gesungen haben. Unsere Talente und Fähigkeiten, unser Potenzial, ist nicht viel anders als eine kleine zarte Blütenknospe. Wie sie wird es sich, wenn es nicht behütet und umsorgt, liebevoll genährt und beachtet wird, niemals entfalten – oder wenn es das ein Stück weit getan hat, wird es schnell eingehen und verkümmern, da die Luft zum Atmen und das Licht zum Gedeihen und Wachsen fehlt.

Doch „so weit“ kommt es oftmals gar nicht. Vieles von dem, was in uns liegt, von unseren Talenten und Fähigkeiten, unserem Potenzial, gelangt gar nicht erst an die Oberfläche. Weil wir noch gar nicht erkannt haben, dass es in uns schlummert. Weil es noch verborgen liegt, überwachsen ist von anderen Schichten, „Gestrüpp“ und „Unkraut“. Vieles in uns darf und kann sich nicht einmal kurzzeitig oder ansatzweise öffnen und zeigen, weil kein Nährboden vorhanden ist, der das ermöglichen würde. Hier stoßen wir an die Glaubensmuster und Glaubenssätze, die uns in unserer Kindheit „beigebracht“ und mitgegeben worden sind – und den Nährboden für unseren weiteren Lebensweg bilden. Stets gehört zu haben „Du kannst nichts“, „Du bist dumm“, „Du bringst nichts zu Ende“, (…) entzieht jeglicher Entfaltung von vornherein Sauerstoff und

Grund. Wenn wir selbst glauben, dass wir nichts können, wie sollen wir dann z.B. je entdecken und erkennen, dass wir mit Pinsel und Farbe wahre Meisterwerke gestalten können? Dass wir ein Talent dafür haben, komplexe Sachverhalte zu durchschauen, mit ein paar Worten trösten oder neuen Mut schenken zu können?

Ist es nicht traurig und bedauerlich, würden wir das, was uns an individuellen Gaben mitgegeben ist, niemals erkennen? Niemals ausleben? Niemals in seiner ganzen Größe und Breite entfalten? Wäre es nicht traurig, würde die Mehrzahl unserer ureigenen Knospen auf ewig geschlossen bleiben? Sodass wir uns niemals an ihren erfreuen könnten? Sodass wir andere damit niemals beschenken und erfreuen könnten? Es liegt an uns, ob wir das zulassen. Ob wir das hinnehmen. Ob wir uns darum bemühen, uns selbst zum Blühen zu bringen oder nicht.

Finden wir heraus, welche unserer Knospen sich zurückgezogen haben und am verdörren sind. Welchen Sauerstoff und Licht fehlt. Welche Pflege und Zuwendung benötigen. Widmen wir uns diesen Knospen. Schenken wir ihnen unsere Aufmerksamkeit, Achtung und Wertschätzung.

Finden wir heraus, welche unserer Knospen noch verborgen und gänzlich geschlossen sind. Seien wir frei, mutig und offen und sehen uns an, was uns interessiert, anzieht, lockt, was uns fasziniert und beflügelt.


Wir haben die Möglichkeit zu blühen.
In unserer ganzen wundervollen Farbenpracht und Fülle.

 

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