Ich könnte mich darüber aufregen, dass die Tötung und Autopsie von Marius, einer 1 ½ jährigen Giraffe des Kopenhagener Zoos, öffentlich durchgeführt wurde – mit Kindern als Zuschauer und Zeugen, dass man ein Tier einfach so töten darf; dass der Zoosprecher ernsthaft behauptet, es sei „eine wichtige Aufgabe, den Besuchern Wissen über Tiere zu vermitteln“; dass der Löwe ein paar Gehege weiter in den Genuss kam, seinen ehemaligen Nachbarn zu verspeisen.

All das rüttelt an mir, doch weit mehr als diese Punkte macht mich die „einfache und schlichte Tatsache“ sprachlos, dass Marius sterben musste. Nicht etwa, weil er krank war, sondern weil er fortan zu teuer in der Unterhaltung geworden wäre; zu nichts mehr nütze war, schon genug andere Giraffen da waren; seine Gene möglicherweise aufgrund von Inzucht zu krankem und behindertem Nachwuchs geführt hätten.

Eine Menge Gedanken, Gefühle und Worte, die mich dazu erreichen.  Zwei Worte, groß in ihrer Bedeutung, stechen am deutlichsten hervor: Verantwortung und Menschlichkeit.

Für mich besteht eine Art von Verantwortlichkeit, die der Zoo seinen Tieren gegenüber hat. Irgendwann hat er ein Tier von seinem natürlichen Lebensraum in einen menschlich erzeugten, überwachten und gelenkten gebracht. Fortan lebte das Tier und sein Nachwuchs auf diesem neuen Territorium, dann dessen Nachwuchs und so weiter. Irgendwann auf die Idee zu kommen, dass ein Tier, das keine andere Möglichkeit hatte, als dort zu landen, wo es gelandet ist, überflüssig, untragbar oder unbezahlbar wird und man es kurzum „zum Schuss freigibt“, wirft jede Verantwortung in hohem Bogen über Bord.

Man möge mir den Vergleich/das Beispiel verzeihen, falls er dem ein oder anderen zu indiskret erscheint. Ein Paar weiß, dass ein Kind Geld kostet, Arbeit macht, Zeit raubt, Unvorhersehbares mit sich bringen kann. Mit diesem Wissen entscheidet es sich für ein Kind – entscheidet sich dafür, die Verantwortung für dieses Kind zu übernehmen, bis es so alt ist, dass es selbst für sich sorgen und einstehen kann. Was nun aber, wenn das Kind schwer krank wird? Hohe Arztkosten auf die Eltern zukommen? Was, wenn das Kind plötzlich nicht mehr in den Plan der Eltern passt? Sorgt man dann einfach dafür, dass man es los wird? Wirft man die Verantwortung, die man für das Kind hat, die man eingegangen ist, einfach über Bord? Weil man es „kann“? Das Kind hat keine Möglichkeit sich zu wehren. Hat keine Stimme, die es für sich erheben kann. Das gleiche gilt auch für jedes Tier. Es hat keine Stimme. Wer also ergreift die Stimme für es?

Menschlichkeit bedeutet, menschlich zu handeln. Ist es menschlich, wenn man über das Leben eines anderen Lebewesens entscheidet – sich für dessen Tod entscheidet, weil es „einfach nicht mehr in einen (Etat)Plan passt? Wenn Leben und Geld sich gegenüberstehen – kann es da wirklich sein, dass das Geld siegt? Über ein Leben?

Ich fühle mich wütend, entsetzt, fassungslos, durchgerüttelt. Ich möchte nicht glauben, dass so fahrlässig mit einem Leben umgegangen wird. Ich weiß, dass ein Tier ein Tier ist und ein Mensch ein Mensch. Das sagt ja das Wort „Tier“. Doch was ist das Entscheidende, was uns verbindet? Wir Menschen empfinden Schmerz – das Tier tut das ebenso. Es fühlt. Es ist ein fühlendes Lebewesen, das keine Stimme hat, um sich gegen die Macht und Absicht des Menschen zu wehren. Sollten wir uns da nicht stark machen für jemanden, der sich selbst kein Gehör verschaffen kann?

Möglicherweise weiß ich vieles nicht. Vieles von dem, was im Hintergrund passiert. Wie das genau abläuft, wenn ein Tier in den Zoo kommt. Was es bedeutet, einen Zoo zu führen. Und dennoch: Wenn der Preis Leben sind, nur, damit ich mir Tiere in Käfigen und Gehegen ansehen kann, die ich sonst nie oder nur im Fernsehen zu Gesicht bekommen würde, dann verzichte ich gerne darauf.

Man mag anmerken, dass täglich viele Tiere sterben, weil der Mensch es so will. Weil er es als Versuchskaninchen braucht. Als Nahrung. Als „Spielzeug“. Man mag anmerken, dass sich hier niemand derart aufregt, sich darüber auslässt etc. Der Grund, warum der Tod von Marius derartige Wellen schlägt – warum ich mich dazu äußere – mag der sein, dass es in jener öffentlichen Form passiert ist. Man so gut wie nicht wegsehen oder weghören kann.

Manchmal braucht es möglicherweise ein solches öffentliches Ereignis, um sich wieder an all die anderen unsichtbaren Taten zu erinnern, die ebenfalls geschehen. Manchmal braucht es möglicherweise „solche Wellen“, um die Gesellschaft – sich selbst – zu hinterfragen; Definitionen, Werte und Handlungsweisen neu zu überdenken und zu bewerten.

 

Quelle: Süddeutsche Zeitung

http://www.sueddeutsche.de/wissen/kopenhagener-zoo-zoodirektor-erhaelt-morddrohungen-wegen-toter-giraffe-marius-1.1884870

http://www.sueddeutsche.de/panorama/kopenhagener-zoo-empoerung-ueber-toetung-von-giraffe-marius-1.1884094

 

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