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Rezension – Ich, Eleanor Oliphant

 

Autor: Gail Honeyman
Erscheinungsdatum: 24.04.2017
Seitenanzahl: 528 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
Hardcover (ISBN: 978-3-431-03978-8): 20,00 €
E-Book: 15,99 €

 

KLAPPENTEXT

Wie Eleanor Oliphant die Liebe suchte und sich selbst dabei fand

Eleanor Oliphant ist anders als andere Menschen. Eine Pizza bestellen, mit Freunden einen schönen Tag verbringen, einfach so in den Pub gehen? Für Eleanor undenkbar! Und das macht ihr Leben auf Dauer unerträglich einsam. Erst als sie sich verliebt, wagt sie sich zaghaft aus ihrem Schneckenhaus – und lernt dabei nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst noch einmal neu kennen.

Mit ihrem Debüt „Ich, Eleanor Oliphant“ ist Gail Honeyman ein anrührender Roman mit einer unvergesslichen Hauptfigur gelungen. Ihre erfrischend schräge Sicht auf die Dinge zeigt uns, was im Leben wirklich zählt. Liebe. Hoffnung. Ehrlichkeit. Und vor allen Dingen die Freundschaft.

© Bastei Lübbe

 

WIE DAS BUCH ZU MIR FAND

Wie bereits in einem vorherigen Beitrag erwähnt, gelangte dieser Roman im Zuge einer Überraschungs-Postsendung von Bastei Lübbe in meine Hände. „Liebe Träumer und Freunde der besonderen Geschichten“ – diese Worte nutzte der Verlag im beiliegenden Anschreiben, womit ich mich unmittelbar angesprochen fühlte. Ein Buch wie für mich gemacht – so der Gedanke vor Beginn des Lesens. Und der danach? Nun, der fiel dann doch ein klein wenig anders aus …

 

DIE HAUPTFIGUR

„Ich bin eine Einzelkämpferin, die letzte Überlebende. Ich bin Eleanor Oliphant. Ich brauche niemanden sonst. Es gibt keine große Leere in meinem Leben, kein fehlendes Puzzlesteil das mich vervollständigen würde. Ich bin mir selbst genug, ein kleines Elementarteilchen.“ © Bastei Lübbe

Außenseiter – wer von uns hat sich Zeit seines Lebens noch nie so gefühlt oder wurde als solcher bezeichnet? Wahrscheinlich niemand. Sonderling – auch dieses Wort kennt der ein oder andere in Bezug auf seine Person. Es gibt so viele Persönlichkeiten wie es Menschen gibt, womit genaugenommen jeder auf seine Art und Weise merkwürdig und ein „außen stehender“ ist. Und was die Einsamkeit angeht: so gut wie jeder ist ihr schon einmal begegnet.

Von dieser Warte ist gut nachvollziehbar, warum wir Geschichten mögen, in denen Protagonisten nicht ins Schema passen, merkwürdige Macken haben, nirgends dazu gehören. Wir sympathisieren mit ihnen, weil wir ihre Situation nachvollziehen und uns in sie hineinversetzen können. Eleanor Oliphant ist damit eine 1A-Kandidatin für einen geschätzten Charakter – wäre da nicht die Kluft zwischen Erwartung und Wirklichkeit.

Die ersten 250 Seiten des Buches mochte ich Eleanor nicht sonderlich, auch wenn ich mich bemüht habe es zu tun. Sie blieb stets auf Distanz, wurde mir weder symphytischer noch ließ sie sich besser durchschauen oder verstehen. Ich fand keine gemeinsame Ebene und, was noch viel schlimmer ist, ich fühlte mich emotional nicht berührt. Bücher, die das nicht schaffen, haben bei mir ziemlich schlechte Karten. Wohl aus diesem Grund habe ich mehrmals mit dem Gedanken gespielt das Buch abzubrechen.

Weil es da aber noch einen kleinen Faktor namens „Neugierde“ gab, las ich weiter. Was genau ist in Eleanors Vergangenheit passiert? Was hat sie so werden lassen, wie sie heute ist? Was für eine Rolle spielt „Mummy“? Wo befindet sich „Mummy“? Warum hält Eleanor den Kontakt zu ihr, wo sie doch ganz offensichtlich kein sonderbar netter Mensch ist? Diese Fragen waren es, die mich bei der Stange hielten.

Der Umbruch, als das Lesen flüssiger wurde und ich anfing eine Ebene mit Eleanor zu finden, fand etwa in der Mitte des Buches statt. Statt der nüchternen Art, die die junge Frau bisher begleitete, zeigte sie nun endlich mehr Emotion und Offenheit, sodass man mit ihr leiden, bangen und hoffen, hinter die Fassade sehen und sie besser verstehen konnte.

Dass dies erst so spät passierte, ist schade und doch ist es nachvollziehbar und das, was die Geschichte verlangt. Angesichts Eleanors Vorgeschichte, die fortwährend in der Luft hängt, ohne vollständig aufgedeckt zu werden, braucht sie diese kühle, distanzierte, überheblich wirkende Persönlichkeit, das wiederholte Abspulen ihres Alltags, der einem festen, ungesunden Rhythmus folgt, doch hat die Autorin diesen Teil meiner Meinung nach etwas zu sehr in die Länge gezogen. Die übrigen Charaktere konnten dies nur bedingt abfedern.

 

INHALT / STORY

Worum genau geht es denn nun eigentlich?

Um das Leben der Eleanor Oliphant. Ihren Weg aus der (vermeintlich) eigens gewählten Isolierung. Das Andocken an andere Menschen. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Den Blick über den Tellerrand.

Zusammengefasst: die Annäherung an das, was allgemeinhin als ´Leben` bezeichnet wird.

Denn genau das ist er Punkt: Eleanor weiß nicht, wie Leben funktioniert. Weiß nicht, wie sich menschliche Nähe anfühlt. Wie es ist, Freunde zu haben. Wie man Wochenenden anders als mit Alkohol übersteht oder die Mittagspause anders als mit dem üblichen Lunchpaket und einem Kreuzworträtsel. Bestens vertraut ist ihr hingegen angestarrt, ausgelacht und ausgegrenzt zu werden.

Eleanor ist einsam und doch ist sie es, die diese Einsamkeit gewählt hat. Um zu überleben. Das ist, was sie tagtäglich tut: überleben. Bis sie erkennt, dass überleben, auch wenn das Wort ´leben` darin steckt, keineswegs damit gleichzusetzen ist.

Und so beschließt sie einen Schritt auf das Leben zuzugehen.
Einen Versuch zu wagen.
Etwas zu finden.
Sich selbst zu begegnen.

„Ich spürte ein jähes Glücksgefühl in mir aufflammen, als hätte jemand ein Streichholz angerissen. Ganz hell war es, licht und warm.“ © Bastei Lübbe

Was sie letztlich findet, ist nicht exakt das, wonach sie Ausschau gehalten hat, doch ist es genau das, was die junge Frau braucht: einen Freund. Die Erkenntnis, dass sie selbst ihres Glückes Schmied ist und nur dann Richtung Zukunft gehen kann, wenn sie ihre schmerzlichen Erinnerungen zulässt und sich der Vergangenheit stellt.

 

SCHREIBSTIL

Gail Honeyman schreibt flüssig. Anspruchsvoll. Bildhaft. Nüchtern. Alles zusammen. Manche Passagen lassen sich wie ein Bericht lesen, andere wie malerische Poesie. So wie die Hauptprotagonistin wächst, wächst auch die sprachliche Vielfalt der Geschichte.

„Ich fühlte mich wie ein frisch gelegtes Ei, innen ganz glitschiger Gallert und außen so zerbrechlich, dass der geringste Druck mich hätte entzweigehen lassen.“ © Bastei Lübbe

 

FAZIT – ODER: ERWARTUNG VS. WIRKLICHKEIT

Wer eine Geschichte über eine verschrobene, liebenswerte Außenseiterin erwartet, wird definitiv enttäuscht. Der Klappentext lässt mit keinem Wort eine traumatische Vergangenheit erahnen, obwohl sie es ist, die auf jeder Seite des Buches präsent ist, Eleanor zu der Eleanor gemacht hat, die sie ist. Dieser Roman enthält keine locker-flockige amüsante Geschichte, sondern einen müßig verdaulichen Happen, der mit jeder Seite schwerer im Magen liegt. Bedrückt stimmt. Mitleid weckt. Nachdenklich stimmt. Im Umkehrschluss ist der Beginn wenig fesselnd, emotional spärlich ausgestattet und fordert Durchhaltevermögen. Wer durchhält, wird jedoch belohnt. Mit der Geschichte einer Frau, die auf ihre Art und Weise einzigartig und besonders ist. Weil sie überlebt hat, um einen schönen Tages endlich mit dem Leben anzufangen.

 

ABSCHLUSSWORT / BEWERTUNG

Man merkt es vielleicht; das Buch hat mich mit gespalteten Gefühlen zurückgelassen. Weder kann ich sagen, dass ich Eleanor mag, noch dass ich sie nicht mag. Ihr Schicksal nimmt mich definitiv mit, weil ich niemandem etwas Derartiges wünsche, jedoch macht dies das Buch nicht automatisch zu einem „guten Buch“, weshalb mir auch die Bewertung schwerfällt. Vier Sterne erscheinen mir zu viel, drei zu wenig. Dies ist einer jener „Zwischenromane“, der seine eigene Messlatte braucht.

Ein philosophischer, andersartiger, klein und zugleich groß gestrickter, auf hohem sprachlichen Niveau geschriebener Roman über das (Über)Leben, dem ich 3 ½ Leseherzen gebe.

 

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